Schulfenster

Achtsamkeit in der Schule: Innehalten und vereinen

Wir sitzen im Kreis, vor uns eine durchsichtige Vase mit Wasser darin. Jedes Kind erzählt von seinen Erlebnissen in den Ferien und schüttet dann einen kleinen Löffel Glitzer ins Wasser. Es ist mucksmäuschenstill. Der Glitzer schwimmt auf der Wasseroberfläche. Nachdem alle Schüler erzählt haben, schauen wir das Glas von unten an. Da liegen die Farbglitzerflecken auf dem Wasser, scheinen sich anzunähern und vermischen sich leicht. Ist die Vase wieder auf dem Tisch, vermischen wir den Glitzer mit einem Löffel. «Ohhh», flüstern die Kinder. Genauso, wie jedes Kind als Individuum mit all seinen Erlebnissen und Träumen am Morgen ins Deutsch kommt, haben wir uns nun zur Klassengemeinschaft vermischt, wie der Glitzer nach dem Umrühren. 13 Nationen aus den sechs Kindergärten Thayngens treffen sich nämlich im Deutsch als Zweitsprache. Die Ruhe liegt in uns und wir sind nun bereit, ganz ruhig und still unsere Deutschstunde zu beginnen.

Diese Achtsamkeitsübung habe ich im Schweizerischen Lehrerfortbildungskurs «Praxis und Nutzen von Achtsamkeit im Alltag und der Schule» während der Sommerferien gelernt. Nein, ich habe ihn nicht wegen des Trends zur Meditation und weil es gerade «in» ist besucht, sondern aus einem ganz persönlichen Bedürfnis. Die Schule und ihr Umfeld verändert sich dauernd und auch ich verändere mich. Seit mehr als 30 Jahren bin ich mit der Schule verbunden, sei es als Mutter, Behördemitglied oder Lehrperson. Wo stehe ich? Werde ich den anstehenden Veränderungen mit dem Lehrplan 21 gerecht? Bin ich denn noch zeitgemäss? "Lehrer zu sein ist einer der stressigsten Jobs, die es gibt. Man gibt so viel, dass man vergisst, auf sich selbst Acht zu geben", sagt meine Kursleiterin Yvonne Bommer.

Achtsamkeit und Lehrplan

  • Achtsamkeit trägt nachweislich zum Stressabbau bei und Burnout vorzubeugen.
  • Höhere Aufmerksamkeitsleistung durch Achtsamkeit
  • Achtsamkeit trägt dazu bei, Dinge aus mehreren Perspektiven zu sehen.
  • Achtsamkeit erzeugt «implizites Veränderungswissen»: unbewusste Blockaden werden abgebautWelche Fähig- und Fertigkeiten werden also abgedeckt? Wie der Glitzer im Glas, vereinen sich in der Achtsamkeit drei Kompetenzen im Lehrplan: Personale Kompetenzen (Selbstreflexion, Selbständigkeit, Eigenständigkeit), Soziale Kompetenzen (Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Umgang mit Vielfalt) und methodische Kompetenzen (Sprachfähigkeit, Information nutzen und Aufgaben/Probleme lösen) *.
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Dies sind nur wenige, wissenschaftlich belegte Effekte, die dazu führen, dass der Trend zur Meditation voll eingeschlagen hat. In der Schule sollen Kinder also plötzlich "an nichts" denken, während sie auf die Glitzerpunkte im Glas starren? Tiefe Atemzüge sollen ihnen dabei helfen, ganz im Moment zu sein? Vergessen sie nicht ohnehin schon zu oft, ihr Znünitäschli und den Streifen mitzunehmen und die Deutschsachen einzupacken? Und was hat eine Klangschale im Klassenzimmer verloren? Für viele klingt all das stark nach Esoterik.

Allmählich entdecken auch Schulen Meditation für sich.

Meine Tochter studiert gegenwärtig in Dänemark. Sie berichtet, dass Kinder in den dortigen Kindergärten und Schulen jeweils Steine suchen, sie bemalen und sie ein paar Minuten lang auf den Bauch legen. Was passiert? Wie hebt und senkt sich die Bauchdecke beim tiefen Ein- und Ausatmen? Scheinbar ist es nie zu früh, mit der Meditation anzufangen: "Kinder können schon ab dem Alter von vier oder fünf Jahren meditieren. In diesem Alter sind Übungen, die das Nervensystem beruhigen, besonders wichtig", sagt dazu Helle Jensen.**

Mir als Lehrperson ist es wichtig, dass meine Schüler und meine Klassen eine Einheit werden, auch wenn sie aus allen Ecken dieser Welt stammen. Sie sollen offen sein für andere Kulturen und Ethnien. Und ja, sie sollen wissen, dass es da etwas gibt, auf das sie später, wenn sie im Leben schwierige Erfahrungen machen, zurückgreifen können. Es geht darum, dass sie ein Bewusstsein für ihr Leben und ihr Handeln entwickeln.

Die "Pädagogik der Achtsamkeit" zielt vor allem auf verbesserte Steuerung von Aufmerksamkeit, Emotionen und Impulsen ab. «Die Fähigkeit freiwillig die umherwandernde Aufmerksamkeit immer wieder von neuem willentlich auf denselben Gegenstand zurückzuführen, ist die Wurzel der Urteilsfähigkeit, des Charakters und des Willens… Eine Erziehung, die diese Fähigkeit verbessert, wäre die Erziehung par exellence:» (William James***). Dies wird auch meine Herausforderung für die nächsten Jahre sein: mit hoher Achtsamkeit die deutsche Sprache der Schüler zu verbessern.

 

Bettina Laich

DaZ- Lehrerin Kindergärten Thayngen

 

*Quelle: Y. Bommer und Prof. Dr. phil. habil. med. Niko Kohl, Hochschule Coburg

**Die dänische Psychologin und Familientherapeutin ist Mitglied der 2007 gegründeten "Dänischen Gesellschaft zur Förderung von Lebensweisheit in Kindern"

***William James (* 11. Januar 1842 in New York; † 26. August 1910 in Chocorua, New Hampshire) war ein US-amerikanischer Psychologe und Philosoph.